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  • Maria Wunder

Das etwas andere Vorstellungsgespräch



Was für ein herrliches Buch. Was für eine ungewöhnliche Sache, dieses Probespiel. Vielleicht ist es etwas gewagt darüber zu schreiben, seine Meinung öffentlich zu äußern über ein Bewerbungsverfahren, was doch so gar nicht dem heutigen Zeitalter entspricht - aber irgendwie kitzelt es in mir. Ich möchte meine Meinung dazu äußern. 

Ich war noch nicht bei unendlich vielen Probespielen, doch ein paar habe ich schon besucht. Was unterscheidet diese Probespiele, das Vorstellungsgespräch von Musikern in Orchestern, denn von anderen Vorstellungsgesprächen?

Vor meinem Musikstudium habe ich eine Ausbildung im Öffentlichen Dienst absolviert. Nachdem ich diese erfolgreich abgeschlossen hatte, habe ich mich gezielt auf genau zwei Stellen beworben - eine bei der Polizei und eine beim Landratsamt. Ich hätte beide Stellen bekommen - habe mich aber für ein Musikstudium entschieden. Nun ist mein Wunsch, in einem professionellen Orchester zu spielen, nicht klein, daher bewerbe ich mich quasi auf alle Stellen die mir über muv.ac, die Zeitschrift "Das Orchester" oder sonstige Medien über den Weg laufen. 

Eingeladen zu werden ist schonmal die erste Hürde, wenn man nicht bereits eine Akademiestelle, ein Praktikum oder ähnliche Engagements im Lebenslauf stehen hat. Auch das Alter spielt eine wichtige Rolle. Ich werde dieses Jahr 27 Jahre alt, für manche Akademie- oder Praktikantenstellen bin ich bereits zu alt. Die Zeit rast also. Wenn die erste Hürde der Einladung durch eine mehr oder weniger aussagekräftige Bewerbung gemeistert ist, geht es also los. Man bereitet sich vor, man übt im stillen Kämmerlein, wird im Idealfall von seinen Dozenten bestens unterstützt. Dann macht man sich am Tag des Probespiels, oder auch am Tag zuvor, da die Anreise oft sehr weit ist, auf den Weg. Angekommen spielt man sich ein, zieht eine Nummer und dann geht es los. Man spielt, meist hinter einem Vorhang, dem bestehenden Orchester vor. Mit einem Pianisten als Begleitung, den man zuvor noch nie gesehen und gehört hat, soll das Klarinettenkonzert von Mozart fehlerfrei und überzeugend vorgetragen werden. Jeder der unzähligen Bewerber spielt dieses Konzert in der ersten Runde vor. Gefällt es den Hörern, kommt man eine Runde weiter. Machst du den kleinsten Fehler, darfst du wieder nach Hause fahren. 

Je mehr Probespiele ich mache, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob ich mich bei diesem Bewerbungsverfahren auch wirklich so präsentieren kann, wie ich wirklich bin. Erst vor kurzem habe ich mit dem Gedanken abgeschlossen überhaupt Probespiele zu machen. Warum? Weil es nicht meiner Natur entspricht. Ich bin ein Mensch mit Ecken und Kanten, spiele toll Klarinette und bin sehr musikalisch. Doch das zählt bei einem Probespiel nicht - zumindest nicht auf den ersten Blick. Du musst als Bewerber gnadenlos sein, denn so ist die "Jury" auch mit dir. Du musst all deine Stellen und Konzerte gnadenlos runterrattern können, dabei geht es in erster Linie um Perfektion, nicht um Musikalität, geschweige denn um deine Persönlichkeit. Ob du letztendlich in diesen großen Klangkörper, in diese Arbeitsgemeinschaft menschlich hinein passt, wird sich erst im Probejahr heraus stellen. 

Um auf meine Anstellung im öffentlichen Dienst zurück zu kommen - ich möchte nicht prahlen, doch ich bin der Überzeugung, dass ich in diesem Berufsbild nicht weniger geeignet bin, als ich es in einem professionellen Orchester wäre. Ich hatte damals nicht die besten Noten in meinem Abschlusszeugnis, konnte aber mit meiner Persönlichkeit und meinem Auftreten überzeugen. Warum funktioniert das aber bei einem Probespiel nicht? Ganz abgesehen davon, dass mir die Möglichkeit, mich persönlich vorzustellen, nicht geboten wird, bin ich nicht dafür gemacht, ein Probespiel zu gewinnen. Ich habe festgestellt, dass es bei Probespielen fast nur ausgezeichnete Musiker zu hören gibt. Scheinbar gibt es aber auch hier verschiedene Arten - diejenigen die aus vollem Herzen Musik machen und leben, für DEN Moment aber vielleicht mal einen Fehler riskieren - und diejenigen, die nicht weniger Musik leben, aber auf Präzision und Routine geeicht sind und keine Fehler zulassen. Wer hiervon der bessere Musiker ist, sei dahin gestellt. Doch in dem Moment, wo man sich Gedanken darüber macht, zu welcher Partie man gehört, kann man vielleicht mit einem anderen Blick auf "Das Probespiel" zurück schauen.  

Auch wenn ich vor einigen Wochen fest davon überzeugt war den Probespielen ein Ende zu machen, habe ich noch nicht aufgegeben. Zwar weiß ich nun, welche Art von Musikerin ich bin - aber vielleicht benötige ich einfach das gewisse Quäntchen Glück um eine Stelle zu gewinne. Sollte ich das Glück nicht haben, soll das auch nicht der richtige Weg für mich sein. 

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