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  • Maria Wunder

Erfahrungsbericht No. 2 - online unterrichten in 2020

Heute hatte ich meinen zweiten Unterrichtstag ohne Körperkontakt. Wie meine bisherigen Erfahrungen sind, was aus meiner Sicht der Vor- und Nachteil beim Online-Unterricht ist, das erfahrt ihr hier in meinem neuen Eintrag. In den letzten Tagen konnte ich mich auch schon mit einigen Kollegen austauschen und habe Rückmeldungen von Eltern und Schülern erhalten. Was ich aber schonmal vorweg geben kann - schließt nach 20.00 Uhr Euer Emailprogramm und stellt Euer Geschäftshandy auf stumm.

Heute habe ich das erste Mal so richtig mit der Zoom-App unterrichtet und es lief alles grandios. Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn hab ich meinen Arbeitsplatz also eingerichtet. Dieses Mal lief der Unterricht über mein MacBook, so konnte ich mein Aufnahmegerät als Audio-Eingang anschließen. Als Ausgang habe ich wieder meine Kopfhörer verwendet. Mit einer Schülerin habe ich dann auch mal den Vergleichstest gemacht und das Aufnahmegerät am Ende der Stunde abgezogen, um mir von ihr sagen zu lassen, ob der Sound sich groß verändert hat. Tatsächlich. Die Audioqualität meines MacBooks ist nicht so gut gewesen, zwar in Ordnung - aber mit meinem Aufnahmegerät war es deutlich besser. Ich verwende hier übrigens das H2n von Zoom, was vermutlich sehr viele Musiker besitzen.


Am heutigen Unterrichtstag hatte ich eine sehr bunte Mischung an Schülern. Zum ersten Mal hatte ich auch eine Saxophonschülerin. Ich dachte erst, jetzt knallt es mir gleich die Ohren weg - war aber gar nicht so. In der Mitte hatte ich eine Anfänger-Klarinettenschülerin, 7 Jahre alt, sie hat erst seit Februar bei mir Unterricht. Hier habe ich gemerkt, dass der Online-Unterricht nicht unbedingt geeignet ist. Zwar hatten wir trotzdem eine schöne Stunde und ich glaube, dass die Schülerin auch Spaß hatte und was aus dem Unterricht mitnehmen konnte. Jedoch kommt es gerade in den ersten Wochen sehr stark darauf an, den Ansatz zu "festigen" - nicht im Sinne von fest sein, aber dass dieser eben zu etwas ganz Natürlichem wird. Bei der Klarinette haben viele Kinder am Anfang Schwierigkeiten mit dem richtigen Anstoßen. Das kann ich über Online-Teaching leider sehr schlecht bzw. fast gar nicht korrigieren. Ich werde meiner jungen Klarinettistin aber nun Aufnahmen zusenden, mit denen sie gut üben kann. Vielleicht füge ich auch noch kurze Videoaufnahmen zum Thema "Klarinettenansatz und -anstoß" hinzu. Beendet habe ich heute meinen Unterrichtstag mit einer meiner größten und weitesten Schülerinnen. Mit ihr habe ich erstmal die Kröpsch-Tonleiterstudien gemacht, dann ein wenig Staccato-Training mit der Wehle-Schule und zum Schluss noch den 1. Satz aus Gades Fantasiestücken. Klavierbegleitung ist jetzt halt leider nicht drin, wobei ich auch nicht besonders heldenhaft Klavier spielen kann. Aber es gibt ja auch PlayAlongs - wenn ein Klarinettist übrigens ein PlayAlong zu eben diesem Stück haben sollte - bitte melden!


Alle meine Dienstagsschüler, die nicht in Gruppen unterrichtet werden, haben mein Angebot des Online-Unterrichts angenommen. Das hat mich sehr gefreut. Für morgen haben sich auch alle Schüler angemeldet, lediglich zwei ältere Schüler bevorzugen lieber die mediale Fütterung per Email und beschäftigen sich ansonsten selbst mit ihrem Instrument. Das ist absolut in Ordnung. Ich kann verstehen, wenn man den Unterricht durch Video nicht unbedingt bevorzugt. Daher habe ich ja auch Alternativen für meine Schüler. Hauptsache sie haben in der jetzigen Zeit Spaß mit ihrem Instrument und eine schöne Abwechslung des doch teilweise trüben Alltags.


Gestern ging eine Sammelemail an alle Eltern und Schüler des heutigen Unterrichtstages raus. In meiner Email schrieb ich: Hallo liebe Schüler, liebe Eltern,

morgen gibt es den ersten Online-Unterricht. Diejenigen, die den Unterricht über Zoom wahrnehmen betreten den virtuellen Unterrichtsraum bitte über folgenden Link:

______

Maria Schöne lädt Sie zu einem geplanten Zoom-Meeting ein. Thema: MSW Unterricht M Schöne Uhrzeit: 24.Mär.2020 02:00 PM Amsterdam, Berlin, Rom, Stockholm, Wien Zoom-Meeting beitreten https:// link... Meeting-ID: Zahlen...


Die App muss bereits installiert sein. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Ich bitte alle erst zur genauen Unterrichtszeit beizutreten. Ich werde mit dem vorherigen Schüler ein paar Minuten früher Schluss machen, dass keine Überschneidungen passieren. Während des Unterrichts mache ich mir Notizen und sende im Laufe des nächsten Vormittags an alle ihre Hausaufgaben mit evtl. Aufnahmen und Anregungen zum Üben. 


Stundenplan ist wie folgt:


14.00 Uhr Lala

14.45 Uhr Lele

15.30 Uhr Lulu 

16.00 Uhr usw.

Sollte es Komplikationen geben gerne einfach anrufen ( 01... ). 


Also: über Zoom reicht der oben genannte Link. Bei FaceTime heiße ich Maria Wunder (oder Schöne) und bin mit meiner privaten Handnummer 01... zu finden. 


Für eine perfekte Sound-Einstellung bei Zoom hat mein Trompetenkollege ein kleines Video gedreht, welches ich Ihnen hier mal mit anhänge. Diese Einstellungen können Sie bei Zoom einfach übernehmen. 

Ich freue mich auf morgen. 

Liebe Grüße und einen schönen Abend


Maria Schöne


Es gab keine Komplikationen - alles lief wie geplant. Ich lade also immer meine Schüler einen Tag vor dem Unterrichtstag zu einem geplanten Meeting bei Zoom ein. Dieses beginnt mit dem ersten Schüler und endet mit dem Letzen. Heute konnte ich tatsächlich sehen, dass es doch quasi eine "Anklopfmöglichkeit" gibt. Während ich mit dem einen Schüler noch am Unterrichten war, kam rechts in der Chatleiste die Benachrichtigung "XY ist dem Chat beigetreten. Hinzufügen?" (oder in ähnlichem Wortlaut, ich weiß es nicht mehr genau). Ich konnte also entspannt dem einen Schüler "Tschüss" sagen und dann den nächsten zum Meeting hinzufügen. Von einigen Kollegen habe ich mitbekommen, dass sie für jeden Schüler ein extra Meeting starten. Es gibt bei Zoom zwei Möglichkeiten, ein Meeting abzuhalten.

Die eine Möglichkeit ist es, ein neues Meeting (orangener Button) zu starten und dann durch einen Klick im Meeting Teilnehmer direkt hinzuzufügen. Der Link kann dann als URL z.B. per Email weitergeleitet werden. Für mich wäre das aber mit viel mehr Aufwand verbunden, zumindest wenn man einige Schüler hintereinander unterrichtet. Daher plane ich mein Meeting im Kalender:

Hier kann ich nun Thema, Datum, Anfang und Ende des Meetings festlegen und anschließend eben diesen kleinen Text, den ihr oben in meiner Email lesen könnt, mit allen Eltern oder Schülern teilen. Somit habe ich während des Unterrichts keinen Stress und kann mich voll und ganz auf das Unterrichten konzentrieren. Mein Trompetenkollege hat übrigens noch einen kleinen Tipp bzgl. der optimalen Soundeinstellung beim Verwenden der Zoom-App. Hierzu hat er ein kleines Video gedreht, worin er genau beschreibt welche Einstellungen festgelegt werden müssen. Leider geht dies aber nur über einen PC, nicht über ein Tablet oder das Handy. Ich hatte heute aber keine Schwierigkeiten mit den Schülern, die Tablet oder Handy verwendet hatten, zu sprechen. Diese Vorkehrungen in den Soundeinstellungen sollen nämlich verhindern, dass die App denkt Instrumentalspiel sei ein nerviges Nebengeräusch und wird somit einfach ausgeblendet. Gerade dieses Nebengeräusch wollen wir ja jetzt eben nicht ausgeblendet haben, sondern ganz im Gegenteil - in den Fokus stellen.

Hier seht ihr, was ihr idealerweise einstellen solltet. Ihr klickt auf der Startseite der App oben rechts auf das kleine Rädchen, geht links auf den Reiter "Audio", unten rechts klickt ihr auf "Erweitert" und dann sollten die Einstellungen so sein, wie oben im Bild zu sehen. Ich hoffe, ich konnte ein paar Kollegen nun einen etwas klareren Blick auf diese App verschaffen - wenn ihr nicht schon längst Profis in der Benutzung von "Zoom" sein solltet ;-) Übrigens versuche ich fast ausschließlich über Zoom zu unterrichten, FaceTime ist noch eine Alternative die ich anbiete. Jedoch lese ich immer wieder, dass einige Musikschullehrer auch via WhatsApp Videochat mit den Schülern machen. Da bin ich dann immer etwas verwundert. Haben wir nicht erst vor Kurzem alle so eine Vereinbarung unterschrieben, dass wir mit WhatsApp (u.a.) keinen Kontakt zu Schülern haben dürfen...? Was ist nun also das Positive an diesem Online-Unterricht?

Ich setze meinen Fokus neu. Ich erlebe die Kinder/Schüler in einem anderen Umfeld. Lustigerweise haben gerade die jungen Schüler meist überhaupt kein Problem mit dem Videochat. Heute hatte ich auch bei Einigen das Gefühl, dass sie sich ausgesprochen wohl fühlen. Vielleicht ist es auch die Distanz die man plötzlich zum Lehrer hat? Oder weil man in seinem eigenen Revier sitzt? In seinen eigenen vier Wänden? Okay, ich habe eigentlich keinen Schüler, bei dem ich das Gefühl habe, dass er sich in meiner Anwesenheit unwohl fühlt. Aber ich habe heute beobachtet, dass teilweise weniger Fehler passieren. Vielleicht ist diese Art von Unterricht für den Schüler ja doch etwas entspannter? Ich möchte mich nicht festlegen und auch nicht darüber urteilen, ist mit großer Sicherheit auch einfach Typsache. Dass ich es gut finde, die Schüler nun mal aus einer neuen Perspektive zu sehen, habe ich bereits in meinem vorherigen Blog-Eintrag erzählt. Auch dass ich plötzlich viel genauer darüber nachdenke, was ich dem Schüler wie erkläre, habe ich schon erwähnt. Mit einer Schülerin habe ich das Ritual, dass einer von uns zu Beginn der Stunde einen Witz erzählen muss. Sie hatte heute keinen Witz auf Lager, ich auch nicht - da zog sie aus dem Nichts diese Comic-Zeichnung her. Sie soll für die Schule einen Corona-Comic zeichnen, den hat sie mir gleich mal gezeigt. Ich war schließlich zu Gast in ihrem Kinderzimmer - zumindest auf irgendeine Art und Weise. Von ihrem Kinderzimmer hat sie mir im Unterricht übrigens schon öfters erzählt, da es komplett gestrichen und neu eingerichtet wurde. Tja, nun habe ich es mal "live" gesehen, auch was Schönes, oder nicht? Und was ist nun negativ an der ganzen Sache?

Musik machen ist etwas Körperliches, es ist eine Art von Sport. Natürlich kann ich Zuhause youTube anmachen und mir irgendein Workout aussuchen, womit ich mich dann auspowern kann. Klar, beim Online-Unterricht sieht nicht nur der Schüler mich, ich sehe auch ihn. Aber ich höre nicht wie er atmet, ich kann nicht nachvollziehen, was der Ansatz da genau macht. Ist der Zungenanstoß richtig, oder macht der Schüler nur "Guru" wie eine Taube? Ich höre es einfach nicht und ich kann es auch nicht sehen. Zumindest nicht mit den Mitteln die mir aktuell zu Verfügung stehen. Das kann man bestimmt noch perfektionieren, aber ich glaube, das ist in der aktuellen Situation jetzt auch nicht Sinn und Zweck der Sache.

Ich bin abhängig. Abhängig von einer guten Internetverbindung. Da kann ich mich in Mannheim ja noch recht glücklich schätzen, aber fragt mal meinen Papa, der in einem Dorf mit knapp 1500 Einwohnern lebt. Glaubt ihr der Internetempfang ist da so prickelnd? Gerade jetzt zu Zeiten der Corona-Krise merke ich, wie das Internet immer schlechter wird. Wenn ich meine Videos auf youTube hochladen möchte, mache ich das übrigens um 7.00 Uhr morgens. Ansonsten sitze ich da gefühlt 2 Stunden, um dann zu merken, dass sich mein PC komplett aufgehängt hat. Also, so abhängig bin ich beim normalen Unterricht nicht.. solange ich nicht meinen Schlüssel vergesse, oder das Instrument...

Auch wenn ich jetzt mein Aufnahmegerät als Audio angeschlossen habe - die meisten meiner Schüler haben so etwas nicht zu Hause. Da muss eben das integrierte Mikrofon vom Samsung Galaxy s9 oder iPhone 7 herhalten. Ich lege in meinem Unterricht normalerweise sehr viel Wert auf Klangbalance - aber hier muss ich nun einfach in der nächsten Zeit Abstriche machen. Ich achte dafür mehr auf Artikulation, variiere auch mit verschiedenen Artikulationen - versuche eher rhythmische Aufgaben zu stellen, als Klangübungen einzubauen... Man ist also abhängig, sollte aber möglichst flexibel sein... mh... es ist nicht leicht. Aber es ist ja auch alles temporär. Daher ist es für mich in Ordnung. Und ich sehe doch, wieviel positives Feedback im Unterricht direkt von den Schülern, oder später per Nachricht oder Email von den Eltern, kommt. Daher mache ich es auch gern!


Was mir tatsächlich am meisten zu schaffen macht, ist nicht der Online-Unterricht an sich. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich ein sehr ordentlicher und gut organisierter Mensch bin. Ich liebe es zu organisieren - das ist wahr. Aber wieviel Zeit aktuell für die Organisation meines Unterrichts drauf geht ist erschreckend. Ich habe viel mehr Arbeit im Vergleich zum normalen Unterrichtsbetrieb. Ich weiß gerade nicht, wann ich auch mal für mich was üben kann. Hinzu kommt noch, dass ich abends nach 18.30 Uhr eigentlich auch nicht mehr zu Hause sonderlich laut sein kann. Dann steigen mir ja die Nachbarn aufs Dach. Ja, ich muss es nochmal sagen - es ist erschreckend - auch zu sehen, dass ich nicht abschalten kann. Ich bekomme morgens bis abends Nachrichten und Emails von Schülern, Eltern, Arbeitgebern, der Musikhochschule, Verbänden,... ich kann nur allen raten, schließt Euer Email-Programm. Vielleicht erst um 20.00 Uhr, vielleicht auch schon ne Stunde früher. Aber entscheidet für Euch, wann der Arbeitstag beendet ist. Es gibt nämlich aktuell kein "Nach-Hause-Kommen", ihr müsst euch den Feierabend einplanen. Denn der Arbeitsplatz ist nun das Zuhause. In diesem Sinne... haltet den Kopf stets oben, ich wünsche Allen (auch den Nicht-Pädagogen ;)) viel Kraft und Geduld für die bevorstehenden Wochen! #wirbleibenzuhause #wirarbeitenzuhause #musikschullehrer #musiklehrer #muskipadagogen #musikschule #onlineunterricht #zoom #coronakrise #covid19 #erfahrungsbericht #onlineteaching

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