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  • Maria Wunder

Musikschulunterricht: Wie geht es nach Ostern weiter?

Die ersten 3 Wochen sind geschafft. Jetzt haben viele Lehrer zwei Wochen Osterferien, die sich mit Sicherheit sehr unterschiedlich gestalten. Manche Lehrkräfte werden weiter Unterricht anbieten. Manche bereiten sich vor auf die Zeit, die uns bevorsteht. An den Musikschulen Deutschlands gibt es kein einheitliches Konzept - kein Patentrezept, wie es nach den Ferien weiter gehen wird. Musikschulen sind aber auch nicht alle über einen Kamm zu scheren, da nicht alle Schulen gleichermaßen funktionieren - was an der Struktur, der Trägerschaft und dem Aufbau der Schule liegt. 

Noch ist nicht klar, ob wir Musikschullehrer ab dem 20. April in den regulären Unterricht zurück starten können. Jedoch ist es ziemlich unwahrscheinlich. Vermutlich wird der Großteil des Unterrichts weiterhin online stattfinden. Viele Musikschulen haben daher den Online-Unterricht mit dem sogenannten Präsenzunterricht in Zeiten von Corona gleichgesetzt. Er ist also genau so viel Wert, wie der normale Unterrichtsmodus, in welchem sich Lehrer und Schüler zum Unterricht an einem Ort treffen. Diese Entscheidung von einigen Musikschulen erleichtert die Situation vieler Musikpädagogen. Meinen Erfahrungen nach zu beurteilen, werden ein Großteil der Eltern und Schüler sich vorerst auch damit zufrieden geben. Denn der Musikunterricht bietet in diesen schweren Zeiten eine schöne Alternative zum tristen Alltag und macht ihn abwechslungsreicher.

Einige Schüler üben aktuell viel mehr und beschäftigen sich intensiver mit ihrem Instrument, als sie es jemals zuvor gemacht haben. Aus den Rückmeldungen der Eltern und Schülern lässt sich schließen, dass der Online-Unterricht einschlägt wie eine Bombe. Ich hatte in einem meiner letzten Einträge bereits ein paar Rückmeldungen aufgezählt, alle sind dankbar für dieses Angebot und sehr erfreut über diese Alternative des Unterrichts. Ganz klar ist, dass dies kein Dauerzustand sein kann. Aber niemand kann vorhersehen, wie lange die aktuelle Situation anhält - daher kann man nur hoffen, dass dies weiterhin für alle Beteiligten so eine erfolgreiche Sache bleibt.

Schulleitungen rechnen trotzdem mit rückläufigen Schülerzahlen und einer Kündigungswelle. Hinzu kommt, dass die Neugewinnung von Schülern sich aktuell als sehr schwierig erweist. Der Online-Unterricht im elementaren Bereich, oder generell in größeren Gruppen, ist kaum umsetzbar. Der Einzelunterricht mit Instrument oder Gesang ist online viel einfacher umzusetzen und selbst kleine Gruppen können in kürzeren Einheiten separiert unterrichtet werden. Wie läuft es an Schulen, die nicht nur reine Musikschulen sind sondern auch eine Tanz- oder Kunstabteilung inkludiert haben? In diesen Bereichen kenne ich mich nicht so aus, jedoch stelle ich mir hier eine Umsetzung im Online-Bereich auch eher schwieriger vor. An manchen Schulen gibt es musiktherapeutische Angebote. Im Einzelfall ist dies bestimmt auch umsetzbar - aber auch hier sind mit Sicherheiten Grenzen gesetzt. Denn das Schwierige ist doch, dass Musik-, Tanz- oder Kunstunterricht Werte vermittelt und eine sehr persönliche Sache ist.

Ich, als studierte EMPlerin, tue mich aktuell schwer über manche Prinzipien des Unterrichtens hinweg zu sehen. Denn auch meinen Instrumentalunterricht versuche ich in der Regel weitgehend elementarorientiert zu gestalten. Die pädagogischen Prinzipien der Elementaren Musikpädagogik sind:

• spielorientiert

• experimentell

• kreativ

• prozessorientiert

• intermedial

• körperorientiert

• beziehungsorientiert

• offen


Viele dieser Prinzipien sind ohne Präsenzunterricht nur schwer umsetzbar, wobei Punkt 5, der intermediale Aspekt, gerade sehr in den Fokus gestellt wird ;-). Ich bin der Meinung, dass Unterricht in Großgruppen, explizit Unterricht im Bereich der EMP, online nicht möglich ist - zumindest nicht, für was dieser elementare Unterricht eigentlich steht.


Die ersten Wochen im Online-Modus haben gut funktioniert, für mich und die Schüler. Ich habe jedoch die Befürchtung, dass ich in der kommenden Zeit meinen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Daher mache ich mir momentan sehr viele Gedanken, wie ich den Online-Unterricht so gestalten kann, dass er auch längerfristig einen pädagogischen Wert hat und meinen Ansprüchen gerecht wird. Am Anfang war die Sache vor der Kamera noch für beide Parteien spannend, aber was ist, wenn es auf einmal zur Normalität wird und der Reiz verflogen ist? Vielleicht werden wir auch gar

nicht so lang per Video unterrichten müssen - das hoffe ich - aber wer weiß das schon. Es gibt mit Sicherheit viele Möglichkeiten, wie ich meinen Unterricht noch entsprechend gestalten und erweitern kann. Ich muss nur einfach ein bisschen „hirnen“ - denn, auch wenn ich mich schon sehr gut im Online-Unterricht eingelebt habe, ist es eben doch ein neues Terrain für mich.


Nun möchte ich mal ein paar Fragen in den Raum stellen und meine Gedanken dazu aufschreiben. Denn immer häufiger höre und lese ich Aussagen, die ich nicht ganz nachvollziehen kann - oder über die ich vielleicht einfach noch etwas länger reflektieren muss, um sie zu verstehen.


Wird eine große Kündigungswelle der Schüler kommen und ist diese unumgänglich?

Viele Musikschulen erstatten gerade ihren Schülern Gebühren zurück, vermutlich aus Solidarität, aber mit Sicherheit auch aus Angst, dass viele kündigen werden. Wann ist hierfür der richtige Zeitpunkt? Sollte dies wirklich schon jetzt sofort passieren? Sollte man das überhaupt machen? Wenn man es mal so betrachtet: am 16. März wurden alle Schulen geschlossen, vielerorts konnte hier auch auf die schnelle in der ersten Woche noch kein Online-Unterricht angeboten werden. An den Schulen herrschte ein einziges Chaos. War das Chaos in den privaten Haushalten aber nicht mit ziemlicher

Wahrscheinlichkeit genau so groß? Plötzlich durften die Kinder nicht mehr in die Schulen und Kindergärten. Es war nicht sofort klar, wie die Betreuung nun stattfinden soll. Wer kann zu Hause bleiben und Homeoffice machen? Wer hat einen Beruf, der einen dazu zwingt, weiterhin zur Arbeitsstelle zu gehen? Hat man Großeltern in der Nähe, die die Kinder hüten können? Ist es zu gefährlich, die Kinder mit den Großeltern in Kontakt zu bringen? Ich vermute, dass in Kalenderwoche 12 viele ähnliche Fragen in den Köpfen der Menschen umhergeschwirrt sind. Ich würde mal behaupten, dass die wenigsten Eltern direkt in der Musikschule angerufen haben, um zu erfahren, ob die Gebühren zurückerstattet werden. Die restlichen 2 Wochen im Monat März wurde alles daran gesetzt, den Schülern mit Hilfe von Online-Angeboten und Betreuung/Versorgung durch Videos, Emails, Telefonate,… bereit zu stehen. Diese Wochen waren für uns Lehrkräfte mit sehr viel Mehraufwand verbunden und vielleicht mache ich mir nun Feinde, aber ich bin nicht der Meinung, dass für den Monat März Gebühren zurück erstattet werden sollten. Keiner war auf diese Situation vorbereitet, auch wir Lehrkräfte nicht - und doch haben wir das Beste daraus gemacht - alle gemeinsam. Ich denke, man kann hier auch ein bisschen auf die Solidarität der Eltern setzen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass die Mehrzahl äußerst dankbar für diesen Unterrichtsersatz sind.


Eine Rückerstattung im Monat April ist aus meiner Sicht auch zu früh. Denn immerhin sind im April zwei von vier Wochen ohnehin unterrichtsfreie Zeit. Außerdem sind die monatlichen Gebühren für die Musikschule eine Jahresgebühr, die durch 12 (manchmal auch 11) Monate geteilt ist. Für einen Einzelunterricht mit wöchentlich 30 Minuten liegt die Gebühr beispielsweise bei 700,00 € im Jahr, an manchen Schulen ist er etwas günstiger, an anderen wiederum teurer. Hier spielen mehrere Faktoren mit rein: ist die Musikschule städtisch oder handelt es sich um einen eingetragenen Verein. Wie hoch ist der finanzielle Anteil, den der Träger ggf. draufzahlt usw. Der Standort der Schule spielt auch eine wichtige Rolle. Auf dem Land ist der Unterricht vermutlich etwas günstiger, als in der Großstadt. Ein Jahr besteht aus 52 Wochen, davon sind in der Regel zwischen 36 und 39 Wochen Schule (durch die Feiertage variiert die Zahl der Wochen). In der Zeit von Januar bis April 2020 gab es, je nach Örtlichkeit in Baden-Württemberg weniger als 4 Wochen unterrichtsfreie Zeit. 4 Werktage davon gab es gleich zu Beginn des Jahres (1.-6.01.2020 - 2 Ferientage, 2 Feiertage + Wochenende), in der Faschingszeit hatten viele durch bewegliche Ferientage ca. eine Woche frei und nun befinden wir uns aktuell in den zweiwöchigen Osterferien. Wenn man die unterrichtsfreie Zeit des Schuljahrs auf 12 Monate prozentual gleich auf jeden Monat verteilt, hätte man pro Monat in etwa eine Woche unterrichtsfrei.


Diese Rechnung bekräftigt noch mehr meine Meinung, dass eine Rückerstattung vor Mai ein zu frühzeitiger Entschluss mancher Musikschulen ist, der eigentlich - was die Leistung und das Schaffen der Lehrkräfte anbelangt - nicht gerechtfertigt ist. Nun möge der letzte Absatz noch so kritisch klingen, muss ich folgenden Aspekt mit einbringen: lieber erstatten Musikschulen den Eltern und Schülern frühzeitig Geld zurück, als dass eine große Kündigungswelle folgt. Diese Angst und Vorsorge ist absolut verständlich, jedoch hat sich mir die Frage gestellt, ob jeder Arbeitgeber hier gleich handeln kann. Eine städtische Musikschule hat vermutlich mehr finanzielle Möglichkeiten, ihr wird es unter Umständen einfacher Fallen die entstehenden Kosten aufzufangen. Was ist aber mit den anderen Musikschulen? Eine e.V. - Musikschule tut sich mit Sicherheit um Welten schwerer, bei Rückerstattungen von Unterrichtsgebühren ihre Lehrkräfte weiterhin zu bezahlen. Und was ist dann die Quintessenz der ganzen Sache? Kurzarbeit. Und genau aus diesem Grund haben manche e.V. - Schulen entschieden, dieses Problem mit ihren Eltern und Schülern offen zu kommunizieren, um ihre Lehrkräfte weiterhin regulär bezahlen zu können… was ist nun besser? Die Sicherheitsschiene, oder die der Hoffnung auf den gesunden Menschenverstand und der Solidarität?


Auch hier möchte ich direkt was hinterher schmeißen, denn es scheint ein Teufelskreis zu sein. Wenn die Eltern eines Schülers weiterhin ihr normales Gehalt beziehen können, ist eine Fortzahlung der Musikschulgebühren kein Problem. Was aber, wenn auch die Eltern deines Schülers in Kurzarbeit gesteckt werden und nun wirklich zweimal aufs Geld schauen müssen… never ending story, oder?!

Wisst ihr, ich habe oben geschrieben, dass ich vielleicht noch mehr reflektieren muss, um Alles zu verstehen und nachzuvollziehen. Ich finde immer wieder neue Wege, in denen meine Gedanken rum schlendern und sich denken: „Ach Mensch, Maria - schau mal, diese Perspektive ist ja auch mal was Nettes…“. Anregungen! Gebt mir Anregungen noch mehr darüber nachzudenken und zu diskutieren. Denn nur so kommt man irgendwie an sein Ziel, oder nicht?

Sollte man den Eltern und Schülern finanziell entgegen kommen, da Unterricht nun

ausschließlich online stattfinden kann?


Ich denke, hierzu muss ich keinen Roman verfassen, denn meine Antwort ist „Nein“! Nein, was den Insturmental- oder Gesangsunterricht anbelangt. Ich bin absolut der Meinung, dass in dieser Ausnahmesituation, für die weder Eltern noch Lehrer was können, der Online-Unterricht absolut gleichzusetzen ist mit dem Präsenzunterricht. Denn wir Musikpädagogen bemühen uns einen hochwertigen und abwechslungsreichen Unterricht anzubieten, trotz der ganzen Gegebenheiten, die wir einfach nicht umgehen können. Wir müssen auf einmal viel kreativer und spontaner agieren, wie wir es vielleicht je zuvor gemacht haben. Warum sollte das weniger Wert sein?


Über eine Gebührenreduzierung im EMP-Bereich habe ich tatsächlich auch schon nachgedacht. Bitte seid mir nicht böse, dass ich keine anderen Bereiche so großzügig in meine Beiträge einbeziehe. Aber ich bin nunmal Klarinettistin und elementare Musikpädagogin. Das ist mein Beruf und hierüber kann ich reden. Für meine Gruppen hingegen habe ich weniger Aufwand im Vergleich zu einer normal gehaltenen Unterrichtsstunde. Es ist viel anstrengender einen 60-minütigen Unterricht mit zehn Kindern zu halten, als eine Email mit schönen Inhalten und Videos an die Eltern zu versenden - zumindest für mich (obwohl ich für die meisten Videos min. fünf Anläufe brauche). Doch auch wenn es stressiger ist - mit 10 Kindern Unterricht in einem Raum zu halten - es ist auch um einiges schöner - denn die Rückmeldung von Kindern ist unbeschreiblich und nicht zu ersetzen. Nun ja, aber aktuell sitze ich dann eher vor meinem Sofa und spiele den Kindern schöne Videos ein.   Wie schätzen wir die Reaktionen der Eltern ein? Können wir auf Solidarität hoffen oder sollten wir schnell handeln um schlimmere Folgen zu verhindern? Wenn ich mich mit Kolleginnen und Kollegen über dieses Thema austausche, welches Gefühl sie aktuell haben, ob ihre Eltern das auch längerfristig mitmachen werden, merke ich, dass es meinen Kollegen nicht anders geht als mir. Die Euphorie für den Online-Unterricht ist immer noch da - bisher rechnen die Wenigsten damit, dass Schüler nun abspringen. Viele Eltern sprechen es sogar explizit an, dass sie wirklich dankbar für den Unterricht sind und das gerade in dieser Zeit enorm gut tut. Ich bin daher nicht alleine mit meiner Meinung, wenn ich sage, dass man auf die Solidarität der Eltern zählen kann. Denn, auch wenn sie nun aufgrund des Online-Angebots "weniger" Unterricht bekommen, da wichtige Bestandteile des Präsenzunterrichts online nicht umgesetzt werden können, bekommen sie im HIER und JETZT gefühlt doch eigentlich viel mehr, oder nicht?


. . . Ich könnte gefühlt noch ewig weiterschreiben, aber ich habe mir vorgenommen meine Blogeinträge nicht zu lang zu halten. Ich lese so etwas selbst immer gern zwischendurch und daher bin ich froh, wenn die Einträge nicht zu lang werden. Heute bin ich beim 8 Minuten. Ein weiterer Eintrag folgt, vielleicht können wir uns wieder ein wenig austauschen und diskutieren. Das regt an. #covid19 #musikschule #musikschullehrer #musikpädagoge #badenwürttemberg #meinungsfreiheit #onlineunterricht #solidarität


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